Im Herzen der Stadt

Mittwoch. Dieser Tag ist schon in den Morgenstunden anders: es ist deutlich später als in den vergangen Monaten üblich. Bis vor Kurzem saß ich bereits ab halb sechs morgens auf dem Fahrrad und bremste um mein Leben, wenn ich auf dem Weg nach Tweelbäke (grob 10 km Distanz) war oder abends eben wieder zurück. Unter uns: Als Radfahrer müsste man eine Gefahrenzulage zugesprochen bekommen. Denn täglich (!) passierte mind. 1x was. Da bekommt man tiefliegende Falten und graue Haare an weniger belichteten Stellen: Wohin so spontan ausgewichen, wenn ein weißer SUV der Marke Hyundai mit Oldenburger Kennzeichen morgens einen Radfahrer mir entgegenkommend in einer Kurve überholt und dann buchstäblich draufhält, statt abzubremsen? Ja, richtig – Notbremsung der Extraklasse, bei der im Anschluss auch die Hydraulikbremse komplett im Eimer und ein Handschuh in der Handfläche eingerissen war. Und warum prüft keiner mehr vor Abfahrt sein verdammtes Fahrzeug? Fehlerhafte Beleuchtung an Fahrzeugen aller Art, kaum einer blinkt oder gibt als Radfahrer noch Richtungswechsel an, viel zu knappes Überholen oder Drängeln von diesen ganzen Formel-1-Hobbypiloten, Schneiden, Anhupen und Anpöbeln (ja, sehr gern mit Zeigen des Mittelfingers unterstrichen), Parken im absoluten Halteverbot (dadurch Fuß- und Radweg zugestellt) vor einer LzO im Stadtnorden und so unglaublich vieles mehr. Es ist eine schier endlose Litanei an Dummheiten, Anfeindungen und buchstäblich mehrfachen Impressionen von „jetzt biste fällig und wirst stumpf überfahren“.

Haken dran. Denn heute ist alles anders. War ich gestern mit den Bussen der VWG unterwegs (alter Schwede, sind die beheizt!), stand heute die erste „Tour“ (hüstel!) auf dem Rad ins Zentrum an. Durch den späteren Start war mir aber durchaus bewusst, dass es wieder 'ne Happy Hour mit Schulkindern geben wird. Hoffen wir also mal das Beste, allerdings sei noch eine persönliche Memo jetzt hinterlassen: Du, die mit ihrem Kind – der Kleine gänzlich ohne Licht am eigenen Rad – auf der Straße gefahren bist und mit Deinem Handy beschäftigt warst, machst es falsch!

Die sieben Wochen „Training“ machen sich bezahlt: Mein konventionell angetriebenes Rad (muss man ja heute schon erwähnen, oder?) funktioniert von vorn bis hinten. Ja, auch die Hydraulikbremse hab ich unlängst an der Fahrradstation am Hauptbahnhof machen lassen (top!). Die Gänge laufen seit zirka 300 km etwas holprig, aber somit ist die Kette zum Austausch bald wohl wieder fällig. Ich bewege mich in den letzten drei Gängen meiner 24 Möglichkeiten. Fluoreszierende Armbinden zieren beide Arme, die Hände tragen das auffällige Gelb. Eine grüne Welle ab Eßkamp lädt mich zum Hochschalten ein. Gelbe Fäuste um die Griffe geballt, rein in die Pedale, ran an die Vmax und ... VOLLBREMSUNG!

Ein Radfahrer, männlich, Schüler im Teenager-Alter platzt von rechts unerwartet in meine Spur. Das Licht funktioniert nur vorn und es dürfte mich schon wieder die ersten Millimeter Bremsbelag gekostet haben. Auf seiner schwarzen Mütze zur grünen Jacke trägt er dicke Kopfhörer. Mein Klingeln hört er nicht. Auch der zweite Versuch ist da chancenlos gegen die Beatz, die womöglich gerade den Schlaf aus dem Kopf treiben. Der Griff an die hintere Gesäßtasche bringt das Handy zum Vorschein und nun fährt besagter Verkehrsteilnehmer freihändig voraus, stellt wohl klanglich was um. Ah, eine schöne Chance zum Überholen kündigt sich an. Wooosh ... und vorbei – und höre hinter mir ein „Alder, bekloppt oda was?!?!“ Geste meiner Ungläubigkeit und ab die Post ... und? Genau: die nächsten Kandidaten nach keinen 200 m, was es zu einer Art Intervalltraining mutieren lässt!

Eine Dreiergruppe Schüler (immerhin: Fahrräder alle funktional) fährt schön breitspurig verteilt nebeneinander. Radweg oder Fußweg? Egaaal! Es folgt ein Duo junger Frauen nebeneinander ... und irgendwie setzt es sich so fort. Und der Clou: an einer kurz darauf folgenden roten Ampel (ich lasse bewusst eine Lücke für Radfahrer und Fußgänger von der linken Kreuzungsseite) stellen die sich wieder grenzdebil vor mich und parken die ganze Kreuzung zu. Das Spiel also wieder von vorn, als das Ampelmännchen sein Farbkleid wechselt. Ziemlich zum Abschluss der Nadorster stadteinwärts folgt die engere Passage am Friedhof mit Kreuzung auf die Alexanderstraße – auch hier treffe ich wieder auf fröhlich miteinander Quatschende, also reihe ich mich (etwas dichter auffahrend) dahinter. Interessantes Gespräch – wirklich! Doch eine andere Möglichkeit bleibt mir da nicht und ich fahre somit geduldig hinterher. Hach, Oldenburg ... hier schnappste was auf (ich blieb trotz Licht bis zum Pferdemarkt unentdeckt). Ab da dann freie Fahrt und dann kommt es, wie es kommen muss: Ich nehme der Stadtreinigung (so ein kleines Bürstenfahrzeug zur Gehwegreinigung) doch echt unbeabsichtigt die Vorfahrt. Schnell entschuldigt, eine „alles klar - nix passiert“-Geste bekommen ... geritzt.

Ankunft. Ich parke unweit des neuen Hauptquartiers. Beim Absteigen merke ich schon, dass ich weit weg von der sonstigen Belastung bin und es sich echt nur noch um so vielleicht 5 km dreht. Der Trip hierher dauert jetzt keine 15 Minuten, also könnte man ja ... aubacke, was macht denn der LKW da mit seiner Laderampe?! Schnell eingemischt und anbrausende Radfahrer gewarnt! Hey, willkommen in der City! :P Kopfschüttelnd geht's zu Fuß in Richtung Hauptquartier. Unterwegs schaue ich mir den diesjährigen Weihnachtsmarkt-Aufbau an. Na, mal später schauen, wenn der Betrieb hier startet ...!

Jetzt, betrachtet vom Hauptquartier aus, sitzen wir mittendrin. Nicht nur vom Weihnachtsmarkt, sondern generell sitzen wir mit unserem Büro am Markt sehr im Herzen der Stadt. Ziemlich genau findet man uns über dem Café Hamburg und über der Adresse für echte Lakritz-Fans dieser Stadt: „Süßholz“. Vorgestellt haben wir uns im nahen Umfeld noch nicht, aber das wird wohl auch zeitnah und sehr bald erfolgen – oder ich gehe mal streunern aus meinem Office und sag einfach Hallo.

Direkt gegenüber haben wir – bedingt durch den Weihnachtsmarkt – natüüürlich einen Ausschank für Glühwein. Wir haben gestern schon versucht, die komplette Crew auf „einen Becher“ (lölölö, Rotti – nicht "lülülü") – zwecks Anstoßen auf die neue Location – zu mobilisieren. Das klappte aber nicht, da schon Termine wahrgenommen werden. Na, der Weihnachtsmarkt steht ja noch ein paar Tage länger. Aber Glühwein direkt vor der Tür ... das ist schon durchaus einladend. *schnüffel* Wir sind vollständig operativ – der Umzug ist komplett abgeschlossen. Da kann man schon mal mit Hundeblick in Richtung der Kolleginnen und Kollegen schauen, ob die vielleicht auch so einen Splitter im Kopf haben. ;) Ein Schwung Spekulatius, ein Rudel kreisrunder Lebkuchen, das Literchen Glühwein ... ach, du (Feucht-)Fröhliche! Final freuen wir uns alle, dass wir nun zentral im Herzen der Stadt ansässig sind. Während wir uns noch ein wenig auf die neue Umgebung eingrooven, sehen wir uns später bestimmt auf dem Weihnachtsmarkt.